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In der Reihe „Interessante und anregende Rezensionen aus dem Deutsch-Leistungskurs“ präsentiere ich heute den Text von Daniel Distelrath, der zu einem klaren Urteil über eine jüngere „Woyzeck“-Verfilmung kommt und die Leserin/den Leser gespannt auf das Schicksal des Protagonisten im 21. Jahrhunderts werden lässt. Viel Spaß beim Lesen der besten Rezension aus meinem Deutsch-Leistungskurs der Q1!

 

Dr. Tanja Kurzrock

 

Rezension zum Film Woyzeck (2013)

von Daniel Distelrath

Der deutsche Fernsehfilm „Woyzeck“ aus dem Jahr 2013 basiert auf dem gleichnamigen Dramenfragment von Georg Büchner und hatte seine Premiere am 23. Januar 2013 beim Filmfestival zum Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken. Jedoch wurde das Ursprungswerk in die heutige Zeit übertragen. Regie führte Nuran David Calis, Tom Schilling und Nora von Waldstätten übernahmen die Hauptrollen von Woyzeck und Marie.
Franz Woyzeck lebt mit seiner Freundin Marie und ihrem unehelichen Baby in einer kleinen Wohnung in einem heruntergekommen Viertel Berlins. Woyzeck arbeitet als Schienenreiniger, als Tellerwäscher in einem Restaurant und außerdem verkauft er mit seinen zwei Freunden Diebesgut im Hinterhof. Da dies nicht reicht, um den Traum vom Verlassen Berlins mit seiner Freundin zu finanzieren, lässt er sich von einem Mediziner als Versuchskaninchen für Medikamente missbrauchen. Diese nimmt er täglich, sie führen bei ihm zu Schlaflosigkeit und im Laufe der Zeit zu einer immer schlechteren physischen sowie psychischen Verfassung. Trotz dem arbeitet er unermüdlich weiter, so dass er seine Freundin Marie auf allen Ebenen vernachlässigt. Diese gibt sich daraufhin den Annäherungsversuchen der lokalen Kiez-Größe hin. Doch was passiert, wenn Woyzeck davon Wind bekommt und ihn seine Verfassung zu einer tickenden Zeitbombe werden lässt?
Die Hürde, die Welt und Rollen des 19. Jahrhunderts auf unsere heutige Zeit zu übertragen, gelingt dem Regisseur glaubwürdig. Dabei nutzt er die Freiheit der Ortsvorgabe, die die Vorlage gelassen hat, und kreiert ein eigenes Hauptstadtflair, das den Wahnsinn Woyzecks durch die Hektik und Unberechenbarkeit, die eine Großstadt mit sich bringen, verstärkt. Die Figuren wurden ebenfalls passend in die neue Umgebung eingegliedert: Woyzeck als überarbeiteter Ernährer seiner Familie, der für Geld nun statt zum Probanden bei einer Erbsendiät zum Medikamententester wird. Während seine Lebensgefährtin im Dramenfragment blass bleibt, ist sie dies im Film nur äußerlich. Ihre Figur und der Kampf, entweder Woyzeck treu zu bleiben oder dem jungen, wohlhabenden Kiezkönig zu verfallen, rücken neben Woyzecks Veränderung in den Mittelpunkt der Handlung. Dies sind nur einige Beispiele dafür, inwiefern es Nuran David Calis gelingt, Woyzeck im 21. Jahrhundert zu realisieren. Die Hierarchie des 19. Jahrhunderts ist auch im herunter gekommenen Viertel des modernen Berlins zu spüren: Wenn der Hauptmann, dargestellt als Dönerladenbesitzer, Woyzeck mit Forderungen demütigt, kommt dessen Hilflosigkeit zum Ausdruck. An manchen Stellen übernimmt der Regisseur Zitate aus dem Dramenfragment, die ohne vorheriges Lesen der Dramenvorlage nicht zur Figur passen und teilweise lächerlich wirken können. Mir haben sie aber gut gefallen, da so eine Verbindung zu Georg Büchners Originalwerk geschaffen wird.
Ein weiteres mögliches Problem sehe ich darin, dass in unserer heutigen Zeit die Deutung des Films nicht mit der des Dramenfragments übereinstimmen könnte. Aufgrund von vielen kulturellen und gesellschaftlichen Unterschieden innerhalb des Berliner Viertels kann es dazu kommen, dass der Film als Kritik an der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts aufgefasst werden kann. Diese Gefahr herrscht besonders, wenn der Zuschauer das Dramenfragment nicht gelesen hat und somit Büchners Schreibweise und Gedanken nicht kennt
Als Fazit lässt sich sagen, dass ich diesen „Woyzeck“ für eine gelungene Umsetzung halte, da er es schafft, die Geschichte der Vorlage und deren Wertevermittlung beizubehalten, dabei aber die Möglichkeiten des Films nutzt, um beispielsweise Woyzecks Wahnvorstellungen visuell zu verstärken. Ich würde jedoch empfehlen, vor dem Anschauen des Films das Dramenfragment zu lesen, da sich erst dann alle Szenen richtig verstehen lassen und der vergleichende Blick sehr interessant sein kann.