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Literaturwissenschaft am Humboldt - PD Dr. Jürgen Nelles über Goethes Faust - eine Rezension aus dem Deutsch LK (2016)

In der Reihe „Interessante und anregende Rezensionen aus dem Deutsch-Leistungskurs“ präsentiere ich heute den Text von Leon Mages, der zu einem sehr entschiedenen Urteil über einen von PD Dr. Jürgen Nelles kurz vor dem Zentralabitur an unserer Schule gehaltenen Vortrag zu Goethes „Faust“ kommt. Meine idealistische Deutung der kritischen Worte ist folgende: Wir Deutschkolleginnen und -kollegen der Q2 haben Goethes Tragödie (Teil I) so differenziert und anspruchsvoll in unserem Unterricht behandelt, dass wir zu ausgewiesenen Kennern des Werks geworden sind. Ich rufe alle Leserinnen und Leser nachdrücklich dazu auf, sich dieser Auslegung anzuschließen, und wünsche viel Spaß beim Lesen der besten Rezension aus meinem gerade mit dem Abitur ins „volle Menschenleben“ entlassenen Deutsch-Leistungskurs der ehemaligen Q2!

Dr. Tanja Kurzrock


Für Laien zu genießen, für Kenner zum Gähnen

von Leon Mages



„Goethes Faust: Entstehung – Gestaltung – Deutung“. Unter diesem Titel hielt der Germanist PD Dr. Jürgen Nelles am 22.03.2017 einen etwa 60-minütigen Vortrag vor den Deutschkursen der Q2 des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiumsin Köln. Doch offenbart dieser Vortrag, der hinsichtlich des anstehenden Zentralabiturs gehalten wurde, neue Deutungsansätze und Sichtweisen auf den literarischen Klassiker schlechthin oder gibt Nelles lediglich eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte, rund um das Thema „Faust“?

Seinen Vortrag gliederte Nelles in fünf Abschnitte und verfolgte somit eine klare Struktur, welche die Zuhörer den gesamten Vortrag über begleitete und für eine übersichtliche Gestaltung sorgte. Damit beginnend, anhand der Schilderung der Omnipräsenz, die Goethe auch in der modernen Welt besitze, die Relevanz des Vortrags zu erläutern, formulierte der Gastdozent der Universität zu Bonn zwei Gründe, die den Einfluss von Goethes Werken und Leben auf die heutige Zeit darstellen und damit die Bedeutung seines Vortrags belegen sollten. Als ersten Grund nannte er in diesem Zusammenhang einen literaturgeschichtlichen Grund, bezog sich also auf die „epochalen Leistungen“, die Goethe mit seiner Lyrik erbrachte. Der zweite und nach Nelles auch wesentlich wichtigere Grund sei ein, so von ihm beschriebener „allgemein menschlicher Grund, der alle betreffe“. Denn in Goethes „Faust“ werde die Diskrepanz zwischen Wissen und Genießen beschrieben, die laut Nelles alle Menschen in ihrem Leben erführen. Mit diesen ersten Ausführungen bereitete der Germanist geschickt seinen Vortrag vor und weckte an dieser Stelle das Interesse der Zuhörer, da diese sich hier mit einem aktuellen Bezug zu Goethes „Faust“ konfrontiert sahen und nicht die nüchterne Distanz erfuhren, die Besprechungen dieses Themas in der Schule oftmals mit sich bringen.

Der darauffolgende Teil seiner Präsentation, die durchgehend von Bildern oder Texten am Beamer begleitet wurde, befasste sich mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des Werkes, in dem Nelles zum einen auf historische Vorlagen zu diesem einging und zum anderen – durch das Anführen von Goethes Biographie – dessen Autorität als Schreiber erläuterte. Des Weiteren ging Nelles im Hauptteil seines Vortrags auf konkrete Textstellen aus dem Werk ein und analysierte diese, erklärte und beschrieb Goethes Sprachgebrauch sowie Schreibstil und bezog sich insbesondere auf die Gelehrten- und Gretchentragödie.

Doch bei all diesen Ausführungen im Vortrag, der eher wie eine vorgelesene Zusammenfassung des Werkes wirkte, ließen sich kaum neue Erkenntnisse finden. Die Deutungen, die Nelles anstellte und damit unter anderem aufzeigte, dass Heinrich Faust der Repräsentant des Menschen überhaupt sei, was dem Werk einen Aktualitätsbezug sichere, dass die hybride Selbstüberschätzung Fausts zur Tragödie führe, die Tragödie besser als intellektuelles Scheitern verstanden werden könne, Faust in diesem Werk nicht derjenige sei, der Entscheidungen treffe, sondern, so wie Gretchen durch Gott determiniert sei, die Handlungen und Entscheidungen von Faust von seinem teuflischen Gefährten Mephistopheles getroffen würden und dass Goethe in seinem Werk sowohl reale als auch fiktive Ereignisse verarbeitet habe, stellen keine neuen Erkenntnisse dar. Alle aufgeführten Aspekte können durch eine intensive und gründliche Bearbeitung des Themas im Schulunterricht, wie sie in den Kursen der Q2 des Humboldt-Gymnasiums erst kürzlich erfolgte, erschlossen werden, was den Vortrag als einen, der Denkanstöße zum Verständnis des Werkes geben soll, überflüssig macht und ihm somit lediglich die Funktion einer Zusammenfassung, die den Schülerinnen und Schülern kurz vor dem Abitur noch einmal die wichtigsten Aspekte ins Gedächtnis ruft, zukommt.


Für Nichtkenner des Werkes ist der Vortrag also definitiv sinnvoll anzuhören gewesen und er vermittelte aufschlussreich und anregend die zentralen Aspekte von Goethes „Faust“. Diejenigen, die sich jedoch ausführlich mit dem Werk beschäftigt haben, werden bei dem – mit 60 Minuten nicht kurzen – Vortrag zweimal auf die Uhr geschaut haben müssen. Lohnenswert für beide Rezipientengruppen war jedoch sicherlich die sich anschließende lebhafte Diskussion, bei der sich der Vortragende flexibel auf die ihm gestellten Fragen einlassen und noch manch interessante Ergänzung zu seinen Ausführungen liefern konnte.