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Lesung von Jörg Böckem über sein Leben als Journalist und Drogenabhängiger

Die SV und die Drogenprävention am Humboldt hat vor ein paar Wochen eine Lesung von Jörg Böckem für die EF und Q1 organisiert.

Obwohl die halbe Schule wegen Hitzefrei nach Hause gehen durfte, blieben die Oberstufenschüler und hörten aufmerksam zu, als Herr Böckem aus seinen beiden Büchern „High sein“ und „Lass mich die Nacht überleben“ vorlas.



Das Buch „High sein“ von 2015 verknüpft wissenschaftliche Informationen und Forschungsergebnisse eng mit persönlichen Erlebnissen von Drogenkonsumenten, die Jörg Böckem und sein Mitautor Henrik Jungaberle interviewt haben. Im autobiographischen Buch „Lass mich die Nacht überleben“ beschreibt Herr Böckem seine eigene Geschichte von zwei Jahrzehnten Drogenexzessen, Abstürzen, Rettung und Rebellion. So las er z. B. die spannende Szene, als eine Sekretärin zu ihm ins Büro beim „Spiegel“ kam, um ihm davon zu berichten, dass die Konferenz verschoben worden sei. Er hatte kurz vorher das Heroin aufgekocht und in die Nadel gezogen und konnte die Spritze gerade noch hinter einem Zeitschriftenstapel verstecken. Es folgten weitere Erlebnisse: wie ein Freund ihm den ersten Schuss setzte oder wie er in der Mittagspause auf der Toilette fast eine halbe Stunde lang nach einer brauchbaren Vene suchte, um die Droge zu konsumieren. Eindringlich war auch, als er im Vollrausch von der Polizei festgenommen wurde und das erst am nächsten Morgen richtig verstand. Erschreckend hingegen war das Erlebnis mit seiner Freundin, die er nach einer Überdosis fast erwürgte und es dennoch schaffte, die Polizei davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung sei.
Es folgte ein tosender Applaus vom Publikum und dann stellten mehrere Schülerinnen und Schüler Fragen, die alle sehr offen von Herrn Böckem beantwortet wurden. Beispielsweise ging es um die Suchtpolitik der Bundesregierung und darum, ob man Cannabis legalisieren sollte. Herr Böckem vertrat dabei die Auffassung, dass die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Drogen schwierig sei, da vor allem Alkohol große Gefahren und ein großes Suchtpotential habe, aber legal sei. Er meinte, es sei weltfremd und habe sich als wenig nützlich erwiesen, den Drogenkonsum einfach zu verbieten, man müsse den Menschen, die Drogenerfahrungen suchen, stattdessen helfen, einen nicht schädlichen Umgang mit Drogen zu finden. Auch er konsumiere Alkohol oder rauche ab und zu einen Joint, aber nicht regelmäßig und nicht, um Probleme zu bewältigen.
Am Ende äußerten sich alle Beteiligte positiv und bedankten sich für das Engagement des Autors. Eine Schülerin meinte, es sei „lehrreich und sehr interessant“ und „bewundernswert“ gewesen, einen so intensiven Einblick in das Leben eines Süchtigen zu erhalten. Ein anderer Schüler konnte kaum glauben, „dass man high sein und trotzdem arbeiten“ könne. Das Feedback einer anderen Schülerin war: „Der Mix aus Sachlichkeit und eigenen persönlichen Sichtweisen und Erfahrungen hat sowohl sehr gut aufgeklärt, als auch realistische, tiefe Einblicke in die Drogenwelt gegeben.“

Folgende Schülerinnen und Schüler haben bei der Auslosung nach dem Feedback gewonnen und melden sich bitte bei der SV, um ihren Gewinn abzuholen:
Fynn Moll: Kopfhörer
Jule Prescher: Kopfhörer
Merit Koch: Powerbank
Olivia Baumann: Powerbank
Chiara Christen: Powerbank

Wir bedanken uns herzlich bei Jörg Böckem für seinen Besuch und die Lesung am Humboldt-Gymnasium und wünschen ihm viel Erfolg für seine Zukunft und die weitere Aufklärung über Sucht und Drogen.

Jörg Böckem wird im Januar 1966 in Erkelenz an der Grenze zu Holland geboren. Dort wächst er sehr behütet, aber auch in der Enge einer Kleinstadt auf. In der Schule ist er Klassen- und später Schulsprecher, organisiert dort Rockkonzerte und geht auf viele Demos. Mit 18 Jahren, also noch in seiner Schulzeit, spritzt er sich das erste Mal Heroin. Seine ersten Erfahrungen mit anderen Drogen liegen bereits hinter ihm. Seine mündliche Abitur Prüfung verpasst er, weil er in Untersuchungshaft sitzt. Er holt sie aber nach und besteht sie mit einer 1.
Nach einem ersten Entzug zieht er nach Hamburg, beginnt ein Praktikum bei der Zeitschrift „Tempo“ und macht dort auch sein Volontariat. Er wird Journalist, das ist sein Traumberuf. Nach fünf Jahren, kurz vor seinem 30sten Geburtstag, hat er einen Rückfall und hängt wieder an der Nadel. Trotzdem arbeitet er weiter als Journalist und Autor und schreibt z. B. für „Die Zeit“ und den „Spiegel“. Er ist erfolgreich und spritzt sich in der Mittagspause seine Dosis, um den Tag zu überstehen. Grenzerfahrungen, eine Hepatitis-C-Erkrankung und das Leid mit der Sucht führen ihn zu zwei weiteren Entzügen. Seit dem dritten Entzug 2001 bleibt er clean. Das ist schon 16 Jahre her.

Henrike Pesch (Suchtprävention und Gesundheitsaufklärung)