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Gerettet.... – auf Zeit! Ein Zeitzeugenbesuch am Humboldt Gymnasium

13.12.2019

Eine Kooperation mit dem Lern- und Gedenkort Jawne in Köln ermöglichte einigen Schülerinnen und Schülern des Humboldt Gymnasiums eine ungewöhnliche und nicht alltägliche Begegnung mit Überlebenden der so genannten „Kindertransporte“ der Jahre 1938/39.

Susi Shipman (Jahrgang 1930) und Regina Sluszny (Jahrgang 1939) berichteten anschaulich von ihrem ergreifenden Schicksal, das sie als Jüdinnen im nationalsozialistischem Deutschland erlitten.

Eine siebte und eine neunte Klasse erfuhren im persönlichen Gespräch mit den Zeitzeuginnen, wie sich der antisemitische Terror nach den Novemberpogromen 1938 erheblich verschärfte und welche Konsequenzen dies auf die Lebenswege der beiden Besucherinnen hatte.

Zwei Mitschriften der Klassengespräche durch Mitglieder der Schülervertretung geben uns die jeweiligen Lebensgeschichten anschaulich wieder:


       
„Meine Puppe hieß Hitler“

Mitschrift des Zeitzeugengesprächs der Klasse 7dm mit Regina Sluszny am 29. 11. 2019
aufgezeichnet von Amelie Rosch (Jahrgangsstufe Q1)

Über 5000 jüdische Kinder konnten im Zweiten Weltkrieg in Belgien versteckt werden – knapp die Hälfte dieser Kinder überlebten. Viele von ihnen verdanken der Hilfsbereitschaft der belgischen Bevölkerung ihr Leben.
Die Austellung „Gerettet – auf Zeit“ des Lern- und Gedenkortes Jawne in Köln thematisiert die Geschichten und außergewöhnlichen Lebenswege der geretteten Kinder.
Zwei Zeitzeugen besuchten das Humboldt Gymnasium am Freitag, den 29.11. 2019 und berichteten uns ihre Geschichten, eine davon ist Regina Sluszny:

1939 wird sie als Kind jüdischer Polen in Antwerpen geboren, mit zweieinhalb Jahren muss sie mit ihrer Familie aus Antwerpen nach Hemiksen fliehen. Obwohl sie dort die Kriegsjahre ohne ihre Familie verbringen muss, ist sie nicht unglücklich. Sie erzählt uns, dass sie von den wundervollsten Menschen gerettet wurde.

Als Regina in Antwerpen geboren wird, scheint noch alles in Sicherheit – eine vorläufige Sicherheit wie sich spätestens nach der deutschen Besetzung im Mai 1940 heraustellt. Mit dem Eintreffen der SS in Antwerpen ändert sich das Leben der Slusznys schlagartig. Juden müssen sich einschreiben und alle jüdischen Bürger ab sechs Jahren müssen einen Davidstern an ihre Kleidung nähen.
Der Vater, der auf dem Markt arbeitet, darf schon bald seine Ware nicht mehr verkaufen. Seine letzte Ware schickt er einem Kunden nach Lüttich, doch er erhält keine Bezahlung. Die jüdischen Bürger sollen kein Geld mehr verdienen und keine Ausbildung erhalten. Sie bekommen Briefe, in denen sie zum Arbeitseinsatz in Mechelen aufgefordert werden und viele Juden kommen dem nach, ohne zu wissen, dass es sich um ein SS Sammellager handelt.
Durch den Verkauf von Kriegsgütern erhält der Vater eine hohe Summe Geld, die der Familie die Flucht aus Antwerpen ermöglicht. 1941 kommen sie in Hemiksen in einem Cafe unter. Nebenan wohnen die Eheleute Anna und Charles, sie sind für Regina die besten Menschen. Anna gibt ihnen Essen und die Familie fühlt sich sicher. Doch der Schein trügt, denn ein Fremder verrät die Familie an die Deutschen, sie sollen abgeholt und nach Mechelen gebracht werden. Es wird ihnen eine Falle gestellt, die die Familie aus ihrem Versteck locken soll. Doch Charles hilft ihnen und am Ende kann die Familie entkommen. Die zweieinhalbjährige Regina lassen sie bei Anna und Charles, sie soll von den Eltern abgeholt werden, wenn diese sich wieder in Sicherheit befinden.  Damals ahnte niemand, dass dies drei Jahre dauern würde.
In diesen Jahren geht es Regina sehr gut und sie hat ein schönes Leben. Anna und Charles behandeln sie wie eine eigene Tochter, gaben ihr Kleidung, genügend Essen und sie bekommt eine Puppe. Sie nennt die Puppe „Hitler“ - ein Name, den sie, weil sie andere Menschen über ihn sprechen hörte, mit etwas Bösem verbindet. Und immer, wenn sie traurig oder wütend ist, nimmt sie ihre Puppe, wirft sie auf den Boden und tritt drauf. Die Erinnerung an die Puppe ist ihr heute noch eine sehr lebendige Erinnerung an die Kriegsjahre, manchmal träume sie nachts noch davon.

Nach Kriegsende sind ihre Eltern wieder in Antwerpen. Als die Mutter sie abholt, erkennt Regina sie nicht wieder und dieses befremdliche Gefühl der Familie nimmt erst nach Jahren wieder ab. Regina bleibt unter der Woche bei ihren Eltern und am Wochenende ist sie bei Anna und Charles. Sie selbst sagt, sie sei unter der Woche eine Jüdin gewesen und hätte unter der strengen jüdischen Erziehung der Eltern gelebt und am Wochenende wiederum sei sie gar nichts mehr, keine Jüdin, aber auch keine Christin, so wie Anna und Charles. Für sie seien Anna und Charles die wundervollsten Menschen, da sie sie gerettet haben und ein Teil ihrer Familie, trotz des unterschiedlichen Glaubens.
1960 heiratet Regina, auch ihr Mann war ein verstecktes Kind während des Krieges, jedoch verlor er seine Familie. Zusammen haben sie zwei Kinder und leben bis zu seinem Tod in Antwerpen.

Regina spricht mittlerweile sieben Sprachen und hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben.
Von 60 000 Juden aus Antwerpen sind nach dem Krieg nur noch fünf Familen bestehen geblieben. Reginas Familie ist eine davon. Reginas Geschichte ist eine von vielen und gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus und Rassismus wieder stark auftreten, ist es wichtig, uns diese Geschichten in Erinnerung zu rufen, damit sich diese Vorfälle nie wiederholen.



Mitschrift des Zeitzeugengesprächs der Klasse 9d mit  Susie Shipman am 29.11.2019

aufgezeichnet von Benjamin Altenrath (Jahrgangsstufe Q1)
Susie Shipman wurde 1929 in Wuppertal geboren. Im Jahr 1938 kam es am 09.11. 1938 zur sogenannten „Kristallnacht“ (Reichspogromnacht / Novemberpogrom): Als die Nazis ihr damaliges Haus gestürmt haben, verstecken ihre Eltern sie unter dem Esstisch im unteren Geschoss. Da dort niemand wohnte, haben die Nazis dort auch nicht nachgeguckt. Sie hörten fürchterlichen Krach und das Brechen von Glas, während sie sich versteckt hielten. Glücklicherweise wurden sie nicht gefunden, aber nach den Ereignissen dieser Nacht wussten sie, dass sie nicht länger in Deutschland bleiben können. da es dort zu gefährlich für sie war. Denn die Nazis sind bei Juden eingebrochen und haben Möbel zerstört, Häuser niedergebrannt und sie in Konzentrationslager gebracht.
Woher kam der Hass der Nationalsozialisten auf die Juden? Susi Shipman erzählt über den Antisemitismus der Nationalsozialisten: Mit vier jüdischen Großeltern galt man als ein „voller Jude“. Mit zwei als „ein halber Jude“ usw. Konvertieren, also die Übernahme eines anderen Glaubens, war nicht möglich. Die Nationalsozialisten haben Juden als eine eigene „Blutsrasse" angesehen und als die untersten Vertreter der Spezies Mensch.
Wie erging es Susi Shipman nach den Novemberpogromen?                                                                                               
Zunächst wurden sie und ihr Bruder in einen Kindertransportzug gebracht, welcher voller Kinder war. Ihre Mutter gab Susi eine ganze Schachtel Schokobohnen mit auf die Reise. Da sie ihr normalerweise nur ein paar gab, ahnte Susi bereits, dass etwas nicht stimmen konnte. Im Zug war der ganze Boden voller Schokobohnenschachteln.
In England angekommen, gab es nur ein Problem, niemand wollte zwei Kinder auf einmal aufnehmen, also kamen sie in ein Kinderheim. Susie erzählte, dass es beim Zähneputzen nur einen Becher für alle sechszehn Kinder gab.
Nachdem die Eltern jedoch genug Geld verdient hatten, mieteten sie ein Haus und machten eine Pension daraus. Doch einige Monate später gab es ein Desaster: Sie waren Deutsche in England und bekamen den damit verbundenen Hass ab. Sie mussten sogar ihr Haus verlassen. Die Engländer machten keinen Unterschied zwischen Nazis und Naziflüchtligen, auch konnte der Vater nie den deutschen Akzent ganz ablegen. Die Mutter musste sie alleine großziehen.
"The London Blitz":
Als die Nazis London mit Luftbombern angriffen, war die Nacht heller als der Tag!  Susi erinnert sich außerdem daran, dass Engländer mehr Haustiere als Deutsche hatten. Die Hunde bellten immer,  wenn eine Bombe fiel. Nach den Luftangriffen waren immer noch überall Bomben im Boden, doch aus Angst vor weiterer Zerstörung wollte sie niemand ausgraben. Wenn ein Deutscher nun umziehen wollte, musste er dass erst bei der Polizei melden. Der Vater schickte die restliche Familie nach Amerika. Susie ging auf eine Mädchenschule und ihr Bruder auf eine Jungenschule. Ihre Eltern starben im Krieg. (Mutter an Diabetes) Aufgrund von Diabetes bekam ihre Mutter einen Zusatz zu den normalen Rationen, die es wärend der Kriegszeit gab.