Detailansicht

Bericht über einen Aufenthalt im NS-Erzählcafe

17.12.2019

Die Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte der Q2 haben sich in den Monaten Oktober und November im Rahmen verschiedener außerschulischer Lernorte mit dem Nationalsozialismus und dessen Folgen bis in die Gegenwart auseinandergesetzt.
Den Auftakt bildete ein Besuch des NS-Dokumentationszentrums in der Nähe des Appellhofplatzes, dem ehemaligen Sitz der Kölner Gestapo. Die Ausstellung und insbesondere die erhalten gebliebenen Häftlingszellen im Keller und die Inschriften der Gefangenen bewegen und erschüttern bis heute. Durch gelungene Führungen konnten die Schülerinnen und Schüler neue Eindrücke gewinnen oder auch andere vertiefen.

Durch den Besuch des NS-Erzählcafes, einem weiteren außerschulischen Lernort, in der Residenz am Dom gelangten die Schülerinnen und Schüler in den Kontakt mit Überlebenden der Leningrader Blockade, die als eines der größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges gilt. Die Wehrmacht hatte Leningrad fast 2 ½ Jahre eingeschlossen, in dessen Folge über eine Millionen Menschen vor allem durch Hunger starben.Die Schülerinnen und Schüler saßen zwischen Überlebenden und wurden so unmittelbar mit den Folgen des Ereignisses bis heute konfrontiert.

Der folgende Bericht wurde von Charlotte Galilea und Friederike von Aswegen (LK Geschichte Q2) verfasst.

Barbara Bien


Ausflug: NS-Erzählcafé in der Residenz Köln

Am 14. November haben wir, der Geschichts-LK der Q2, einen Ausflug in die Residenz am Dom gemacht. Hier nahmen wir an dem viermal im Jahr stattfindenden Erzählcafé teil, wo ehemalige NS-Verfolgte über ihre persönlichen Erlebnisse berichten.

Viele der ständigen Caféteilnehmer waren russischer Herkunft, ebenso Sinowij Goldberg, um dessen Erlebnisse es an dem heutigen Tag gehen sollte. Nach einer kurzen Einführung der Projektleiterin Vanessa Rex wurden seine Erlebnisse daher (ins Deutsche übersetzt) vorgelesen und erst bei der anschließenden Fragerunde kam er persönlich zu Wort.

Sinowij Goldberg, am 20. August 1933 in eine jüdische Familie geboren, war acht Jahre alt, als die Leningrader Blockade im September 1941 begann. Kurz vorher war sein Vater infolge der Stalinschen Repressionen verhaftet worden, weshalb Sinowij Goldberg, seine Mutter und seine ältere Schwester Tina auf sich allein gestellt waren.
Zunächst dachte keiner von ihnen, dass sie den Krieg auch außerhalb des Radios in außergewöhnlichem Maße zu spüren bekommen würden. Doch die Front rückte näher als gedacht und im Juni 1941 wurde mit der Evakuierung der Leningrader Kindergärten begonnen. Sinowij Goldberg selbst saß in einem dieser Züge, als seine Mutter plötzlich neben ihm stand und ihn wieder hinauszog. Sie hatte gehört, dass Bombenanschläge auf Züge dieser Art nicht gerade selten seien und weigerte sich, ihren Sohn dieser Gefahr auszusetzen.

Am 06. September erreichte die Front dann endgültig Leningrad. Mit der Einnahme Schlüsselburgs zwei Tage später schloss sich der Ring um die Stadt und die Bewohner waren nun auf dem Landweg von Russland abgeschnitten.
Sinowij Goldberg berichtet, dass seine Familie den genauen Termin des Blockade-Beginns damals nicht gekannt habe. Sie seien eine ganz einfache Familie gewesen, weshalb sie nahezu keinen Zugang zu Informationen wie dieser bekamen. Außerdem habe niemand geahnt, was kommen würde. Die Deutschen waren damals zwar Kriegsgegner, aber galten zunächst im Allgemeinen noch als kultivierte, höfliche Menschen.

Nachdem ihre Bleibe durch Bomben zerstört wurde, mussten die Goldbergs in die Wohnung eines evakuierten Arztes ziehen. Sinowij erinnert sich an den Nebenraum der Praxis, in dem sich ein Arztstuhl und weitere Utensilien befanden, den er nie betreten durfte, schließlich ging man davon aus, dass der Arzt irgendwann zurückkäme.
Doch auch diese Unterkunft wurde von einer Brandbombe getroffen und die Familie konnte sich nur über die Hintertür retten. Sie zog zu einem „einsamen kranken Mann“, der nie viel mit ihnen sprach und auch nur selten aus seinem Zimmer herauskam.

Sinowij Goldberg fasst die Probleme, die ihn und seine Familie und auch alle anderen in Leningrad Eingeschlossenen betrafen, knapp zusammen: Kälte, Hunger, Krankheiten und Bombardements durch die Deutschen.
Besonders hebt er den Hunger hervor. Da Leningrad für Russland kaum mehr zu erreichen war, verschärfte sich das Problem der fehlenden Nahrung schnell. Außerdem wurden einige Lebensmittellager von Bomben der Deutschen getroffen. Nur durch Lebensmittelkarten kam man an Essen; Goldmünzen waren hingegen kaum etwas wert.
Kinder bekamen eine Ration von 125 g Brot, Erwachsene 250 g. Das Brot bestand jedoch meist nicht aus den üblichen Zutaten, sondern aus Sägespänen oder anderen Dingen, die der Körper auf irgendeine Weise verarbeiten konnte. Um Skorbut vorzubeugen, aß man außerdem Sachen wie Kiefernadeln und es kam nicht selten vor, dass man Dinge wie Fingernägel in seinem Essen fand.
Der Mann, mit dem sich die Goldbergs das Haus teilten, besaß zwar einen Sack Kartoffeln, hielt ihn jedoch versteckt. Wenn es Alarm wegen Bombardements gab, blieb er meistens in seinem Zimmer, da er Angst hatte, jemand könne sie ihm wegnehmen. Obwohl Sinowij Goldbergs Schwester Tina eigentlich Medizin studierte (und daher die Erwachsenen-Ration Brot bekam) und seine Mutter in einem Lebensmittelladen arbeitete (und von dort gelegentlich einige wenige Krümel für ihre Kinder mitnehmen konnte), war es für die Familie also schwer, zu überleben.

Sinowij Goldberg macht die Lage in seiner Erzählung noch ein wenig deutlicher. Eines Tages sei er hinter einem Pferdewagen die Straße entlang gegangen, als das Pferd plötzlich zusammengebrochen und gestorben sei. Eine Masse an Menschen sei angelaufen gekommen, um sich ein Stück zum Essen abzuschneiden, und Sinowij Goldberg sei nach Hause gerannt, um sein Messer zu holen und es ihnen gleich zu tun. Doch als er zurückgekommen sei, sei nichts mehr übrig gewesen.

Immer wieder habe Sinowij Goldberg so etwas erlebt, doch nicht nur bei Tieren. Auch Menschen fielen einfach auf der Straße um und starben. Viele verheimlichten damals den Tod eines Angehörigen, um dessen Lebensmittelkarten weiterhin verwenden zu können.

Zusätzlich kam der Winter, der 1941/42 besonders schlimm war, teilweise sogar mit Temperaturen unter -35 °C. Die Wasserleitungen waren zugefroren, es gab keinen Strom. Viele Häuser wurden abgerissen und zum Feuern verwendet, ebenso die Bleibe der Familie Goldberg und des alten Mannes.

Sie kamen in einer Flüchtlingsunterkunft unter.
Dort wurden sie dann von einer Krankheitswelle getroffen. Zuerst erkrankte seine Mutter, die er zu Glück mithilfe seiner Schwester wieder gesund pflegen konnte. Danach erkrankten jedoch er und seine Schwester. Besonders schlimm in dieser Zeit war, dass er manchmal in seinem Bett lag und sich nicht mehr bewegen konnte, weil sein Körper so geschwächt war. Doch auch er und seine Schwester überlebten die Krankheit.

Im Frühjahr 1942 verbesserte sich die Ernährungslage etwas und auch der Winter ging langsam zu ende. Er beschreibt, dass an vielen Stellen unter dem Schnee Leichen gefunden wurden und er sehr froh war, dass seine Mutter und Schwester noch lebten. In der nächsten Zeit traf Tina ihren alten Sportlehrer wieder, der als Evakuierungshelfer arbeitete und bat ihn um Hilfe. Der einzige Fluchtweg ging über die sog. „Straße des Lebens“ über den Ladogasee. Nach einigen Wochen hatten sie die Möglichkeit über diese Strecke zu fliehen. Sie erreichten Kasan an der Wolga.

Auf dem Weg dorthin kam es jedoch zu einem gefährlichen Zwischenfall. Während der Zugfahrt hörte man aus der Ferne Flugzeug Geräusche, bei denen es sich vermutlich um deutsche Flugzeuge handelte. Aus diesem Grund sollten sich die Flüchtlinge verstecken, um nicht entdeckt zu werden. Sie hatten jedoch Glück, denn die deutschen Flugzeuge warfen nur Flugblätter über ihnen ab, sodass die ungehindert weiterfahren konnten.

In Kasan angekommen gab es wieder genug zu essen, jedoch wurden sie gewarnt, nicht zu viel zu essen, weil der Körper noch nicht wieder an die normalen „Portionen“ gewöhnt war. Sie kamen in einer kleinen Wohnung unter. Deren Vermieterin war zu Beginn sehr unfreundlich und hatte erwartet, dass Juden kommen, die Hörner hätten. Ihr Vorurteil revidierte sich jedoch schnell und sie wurde etwas freundlicher.

Seine Mutter ging wenig später wieder als Verkäuferin arbeiten und seine Schwester studierte Luftfahrt. Er selbst ging in die Schule in die 3. Klasse und sie führten wieder ein normales Leben. Später siedelte sie Familie nach Charkiw in die Ukraine über. Die Befreiung Leningrads am 27. Januar 1944 durch die Rote Armee erlebten sie also nur aus der Ferne.

Zum Schluss plädiert Sinowij an die Zuschauer, dass so ein schlimmes, menschenverachtendes Verbrechen nie mehr geschehen darf und selbst eine Kulturnation wie Deutschland davor nicht geschützt sei. Aus diesem Grund solle man sehr achtsam sein und alles kritisch hinterfragen.

Dann gab es erstmal Applaus für Goldberg und die Zuhörer hatten die Möglichkeit Fragen zu stellen. Diese wurden durch eine Dolmetscherin direkt an Goldberg gestellt und auf Deutsch übersetzt.
Die erste Frage lautete, ob er ein Hassgefühl gegenüber den Deutschen empfinde. Seine Antwortet war, dass er während der Zeit der Blockade ein Hassgefühl gegenüber den Deutschen empfunden habe, heute jedoch nicht mehr, weil er hier wohne und auch Freunde gefunden habe.
Die nächste Frage war, ob Goldberg ein Gefühl der Angst gehabt habe aufgrund der Möglichkeit am nächsten Tag zu sterben. Darauf antwortete er, dass man sich in der Situation selbst keine Gedanken darüber gemacht habe, aber trotzdem durch die enorme Schwäche des Körpers Nahtoderfahrungen gemacht habe.

Durch die Fragen wurde auch deutlich, dass die Familie gar nicht direkt wusste, dass sie in Leningrad gefangen waren, weil sie kaum Informationen erhielten. So wussten sie auch nicht was auf sie zukommt, weil die Verbindung zur Außenwelt abgebrochen wurde.

Nach den Fragen konnte man noch am Tisch von Goldberg vorbeigehen und persönlich mit ihm sprechen und sich am eigenen Tisch mit anderen Holocaust Überlebenden unterhalten.

Für uns war dieser Ausflug sehr bereichernd. Die Lebensgeschichte eines Zeitzeugen zu hören, statt einfache Fakten in Büchern zu lesen, ist etwas Besonderes. Etwas schade war jedoch, dass seine Erlebnisse zunächst nur vorgelesen wurden und er selbst nicht so viel gesprochen hat.

Sein Schlusswort war letztlich ein Appell, den wir lange im Gedächtnis behalten werden: So etwas wie damals in Leningrad darf sich niemals wiederholen.